Simon Hadler

SIMON HADLER

Doris Knecht im "Kurier": "Es ist eine in diesen unübersichtlichen Tagen fakten- und lehrreiche, ordnende und oft schmerzhafte Lektüre: Denn Hadler ist in seinen Berichten schonungslos sachlich und überaus präzise, aber auch auf Augenhöhe mit den Menschen, über die er berichtet. Verlässliche Fakten gegen diffuse Angst: Aufklärung, wie man sie in diesen Zeiten braucht."

 

Bettina Figl in der "Wiener Zeitung" (inkl. Interview): Aus seinen Besuchen in Traiskirchen und im Flüchtlingslager Saatari in Jordanien sind eindrückliche Reportagen entstanden (...). In "Die Angst vor dem ‚Ansturm‘" (Hanser Verlag) erklärt er, warum es wenig bringt, Hasspostern Analphabetismus vorzuwerfen, wie man der Angst vor dem Fremden durch persönlichen Kontakt den Wind aus den Segeln nimmt und warum es wichtiger wäre, eher Zeit- und Wohnraum zu spenden als Sachgüter.

 

Nina Horaczek im "Falter": "Das Buch zum innenpolitischen Thema Nummer eins" - die "Ängste der Österreicher nicht verharmlost" - "die Wahrheit ist den Menschen zumutbar" - "räumt auf mit Mythen rund um Asylwerber"

 

Interview im "kultur.montag" des ORF: "Diese Gesellschaft ist traumatisiert. Was wir brauchen, ist eine zeitnahe Vergangenheitsbewältigung dieses Sommers 2015."

 

Beitrag von Christina Pfoser plus Interview auf Ö1: "Die Gratwanderung zwischen subjektivem Erleben und Objektivität spielt in Simon Hadlers Reportage eine große Rolle. (...) Eindrucksvoll transportiert er das Berührtsein in seinen Text, wobei die Fotos den Text ganz wunderbar ergänzen."

Hier zum Download

für 2,99 Euro:

Bildergalerie: Von Saatari bis Traiskirchen

Leseprobe: Traiskirchen im Sommer 2015

 

(...) Kurz vor der Verabschiedung, in letzter Sekunde, kommt der erhoffte Anruf aus dem Innenministerium. Ich darf bleiben. Allerdings nur eineinhalb Stunden und vor allem nicht unbeobachtet. Eine Praktikantin des Innenministeriums muss mich begleiten und zu ihrem Schutz kommt der Chef der Security-Abteilung mit.

 

 

Ich selbst hatte mir schon am Vortag eine Begleitung organisiert, meinen whatsapp-Freund Hussein, den 15-jährigen Syrer. Er soll mein Fremdenführer und Übersetzer sein. Ich hole ihn von draußen ab und stelle mich gemeinsam mit ihm beim Eingang für Asylwerber an. Eine Familie hätte gerne die Schuhe, die ein Bursch gespendet bekommen hat, und bietet ihm dafür Geld. Der junge Mann will nicht verkaufen. Hussein macht einen Scherz und sagt: „Ihr könnt drinnen ja drum kämpfen.“ Todernst schaut der junge Mann mit den neuen Schuhen Hussein in die Augen und sagt: „Du willst kämpfen? Kein Problem, ich töte dich innerhalb von zwei Minuten.“ Betreten und möglichst unauffällig dreht sich Hussein weg und sagt leise mit rollenden Augen zu mir: „Hatte ich doch glatt für einen Moment lang vergessen, dass Witze machen hier verdammt gefährlich sein kann.“ Ich ermahne mich, mir vor Augen zu halten, dass Asyl ein Grundrecht ist und nicht bedeutet, nur jene aufzunehmen, die man für liebe Menschen hält.

 

 

Dann starten wir los. Wir dürfen hingehen, wo wir wollen, aber in einigen Metern Entfernung folgen unsere Begleiter. Hussein erzählt mir von seiner Odyssee durch mehrere Länder. In Österreich möchte er das Gymnasium abschließen – und zwar schnell. Er sei ein guter Schüler und habe zu Hause sogar zwei Jahre überspringen dürfen. Hussein will Bauingenieur oder Architekt werden. Als erstes zeigt er mir jene Garage, in der bei Regen manche der obdachlosen Asylwerber übernachten dürfen. Nur hinten an der Wand liegen zwei Matratzen: die Wohnstatt einer Familie, mit der wir ins Gespräch kommen. Es sind jene Ibrahims, die eingangs beschrieben wurden. Die zu Hause waren, als die Bombe einschlug. Sie kommen aus Aleppo. Ahmed, der Vater, hat dort im Büro einer Firma gearbeitet, die Maschinen herstellt. Zum Haus der Familie gehörte ein kleiner Garten. „Wir hatten ein gutes Leben“, sagt Ahmed. Dann kam der Krieg immer näher. Die Gefechte um Aleppo zählen zu den heftigsten im syrischen Krieg. Der IS und die Al-Nusra-Front standen vor den Toren, während die von der Türkei unterstützten Rebellen und die Regierungstruppen um die Stadt kämpften. Von einem Moment zum nächsten gab es kein Entkommen mehr.

 

 

 

Ahmed zieht unvermittelt das T-Shirt des fünfjährigen Arif hoch. Eine 20 Zentimeter lange, zwei Zentimeter breite, geschwulstähnliche Narbe zieht sich links des Nabels von der Leiste bis zum Brustkorb hoch. Ähnlich sieht das linke Bein des 15-jährigen Mohammed aus. Die ganze Familie starrt mich an und holt sich in meinem Gesichtsausdruck des Entsetzens die Bestätigung, dass ihr Unerhörtes widerfahren ist. Und Ahmed setzt nach: Der elfjährige Assad und der zehnjährige Hassan haben den Angriff nicht überlebt. Sie sind tot. Gemeinsam schweigen wir. Fatima, die Mutter, presst die Lippen aufeinander und blickt mich mit fragendem Blick an, als ob ich ihr erklären könnte, warum so etwas möglich ist.

 

 

Sie, die damals schwanger war, hält jetzt ein drei Monate altes Baby in den Armen. Ahmed deutet auf den Säugling, dann auf die Matratzen am Betonboden der Garage und sagt: „Es ist sehr kalt hier in der Nacht.“ Ich frage nach: „Hat man euch trotz des Babys und der verwundeten Kinder nicht angeboten, in einer festen Unterkunft zu schlafen?“ Ahmed schüttelt den Kopf: „Wir sind erst gestern angekommen und müssen ärztlich untersucht werden, bevor man uns einen Platz zuweist.“ Es ist bereits Abend. Eine zweite Nacht in der Garage steht ihnen bevor. (...)